Psychodrama Austria – Symposion

PRE-WORKSHOP

Was Psychodrama mit Tangotanzen verbindet: Beider Ziel ist ein GELINGEN der BEGEGNUNG durch (rollenklare) KOMMUNIKATION IN KOMPLEMENTÄREN ROLLEN

 

Ein Ziel psychodramatischen Arbeitens ist immer, das Gelingen von Begegnung zu fördern. Für uns PsychodramatikerInnen sind Menschen nicht als isolierte Individuen zu betrachten, sondern nur in ihren sozialen Bezügen und in den in diesen eingenommenen Rollen. Es wird davon ausgegangen, dass Menschen in ihren Interaktionen abwechselnd als role giver und role receiver tätig sind und in einem wechselseitigen Aushandlungsprozess gemeinsam die passende Rollenkonfiguration aushandeln.

Mit Moreno sehen wir PsychodramatikerInnen uns Menschen dabei als „Begegnungswesen“. Wir trachten nach „Ich-Du-Begegnung“. Das bedeutet frei übersetzt, den/die AndereN im Hier und Jetzt, auf der Basis von Gleichrangigkeit und Freiwilligkeit, in seinem/ihrem Wesen zu erfassen und von ihm/ihr mit dem eigenen Wesen erfasst zu werden. „Gelingende Begegnung“ kann zustande kommen, wenn Menschen sich wechselseitig authentisch wahrnehmen und die wechselseitigen Rollenangebote adäquat beantworten, so dass die gemeinsam ausgehandelte Rollenkonfiguration für beide Seiten stimmig ist.

Was das konkret bedeuten kann und wie sich das anfühlen kann, lässt sich gut im Tango Argentino erleben: Als Improvisationstanz besteht der Tango A. zwar aus einem riesigen Pool definierter, erlernbarer „Schritte“, deren Aneinanderreihung aber erst gemeinsam als Paar in der Improvisation erfolgt. Gemeinsam bedeutet, dass in gleichberechtigten komplementären Rollen getanzt wird. Der/die Leader interpretiert die Musik und macht klare Rollenangebote, wie dazu getanzt wird, der/die Follower wartet (rezeptiv) auf tänzerische Rollenangebote und setzt diese um. Da hierbei auch der/die Follower eigene Gestaltungsmöglichkeiten hat, wird im modernen Tango auch von Proposer und Interpretor gesprochen. Ihrer Komplementariat entsprechend sind beide Rollen mit unterschiedlichen psychischen und mentalen Anforderungen und Möglichkeiten verbunden.

Anders als sein Ruf ist und war der Salon-Tango (im Unterschied zum Showtango) nie ein in erster Linie erotischer Tanz. Im Gegenteil ging/geht es immer schon um das Herstellen von Begegnung. In den Bordellen von Buenos Aires begründet, in denen sich in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts Flüchtlinge aus vielen Ländern trafen, wurde in der tänzerischen Umarmung die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Geborgenheit gelebt. Auch heute noch wird beim Tangotanzen in der Zweisamkeit einer – wie auch immer zusammengesetzten – Paarkonstellation für ein paar Tänze gelingende Begegnung gesucht. Wenn bei einem Tango mit einer vorher fremden Person die Kommunikation gelingt und sich ein Tanzpaar harmonisch („wie ein Körper“) zur Musik bewegt, kann in der gelingenden Begegnung in den komplementären Rollen eine tiefe seelische Erfüllung entstehen, welche nichts mit erotischer Anziehung, sondern mit Geborgenheit, zu tun hat.

In diesem Workshop soll über das Erlernen und Üben einfacher Tangoschritte und dem Tanzen mit wechselnden PartnerInnen und in wechselnden Rollen erspürbar werden, wie gelingende Begegnung sich beim Paar-Tanz anfühlen kann und welche individuelle Rollengestaltung dabei hilfreich ist. Das Tangotanzen erfüllt dabei die Funktion einer „Intermediärerfahrung“, aus welcher grundsätzliche Erkenntnisse über die eigene Rollengestaltung als role giver und role receiver gezogen werden können.

Anders als im traditionellen Tango, bei dem die beiden tänzerischen Rollen auf die beiden Genderrollen aufgeteilt sind (Mann: Leader, Frau: Follower) wollen wir diese im Workshop als genderunabhängig betrachten und beide abwechselnd und mit unterschiedlichen PartnerInnen einnehmen. Wenngleich der Workshop den Erwerb einzelner einfacher Tangoschritte beinhaltet, kann er keinen Tangokurs ersetzen.

Da mit der für das Tangotanzen erforderlichen tänzerischen „Umarmung“ eine durchaus intime, körperliche Nähe verbunden ist, wird ersucht, dass sich nur Menschen für diesen Workshop anmelden, die zum Eingehen dieser körperlichen Nähe auch mit wechselnden, fremden Menschen bereit sind.

 

 

Sonja Hintermeier, Mag. Phil., MSc, Klinische und Gesundheitspsychologin, Lehr-Psychotherapeutin und Lehr-Supervisorin der Fachrichtung Psychodrama im ÖAGG, Spezialisierung auf Persönlichkeitsstörungen und mit diesen verbundenen, komorbiden Erkrankungen, intensive Auseinandersetzung mit dem psychodramatischen Begegnungskonzept, seit 2003 Beschäftigung mit Tango Argentino, seit einigen Jahren auch in der Rolle des „Leaders“.

 

Sternek, Katharina: Gestalttheoretische Psychotherapeutin (GTP) in freier Praxis und Lehrtherapeutin für Gestalttheoretische Psychotherapie in der ÖAGP. Mitglied im Ethikausschuss des Psychotherapiebeirats und Lehrtätigkeit im psychotherapeutischen Propädeutikum (Fragen der Ethik).